Samstag, 10. Januar 2009

In gewissem Sinn hat jedermann Recht. Das ist das Drama.

Thomas Bernhard, von dem diese Sätze stammen, hat dazu, in einem Interview mit Jean Louis de Rambures in Le Monde, 1983, noch angemerkt, der möge "den Ausdruck 'in gewissem Sinn' ganz und gar nicht, denn er vermittle eine "trügerische Sicherheit" und vergleicht die Wortwendung mit einer Gletscherspalte, aus der es ja auch keinen Notausgang gäbe.
Der Satz ist mir heute im Zusammenhang mit den Kommentaren zum Nah-Ost-Konflikt hängengeblieben. Einmal abgesehen davon, dass es schon verwunderlich ist (auch ich muss mich selber fragen), warum sich so viele Leute bemüßigt fühlen, zum Krieg in Gaza Stellung zu nehmen und auf die Straße zu gehen (heute in Innsbruck angeblich 5.000. Mit türkischen Flaggen, unseligen Davidstern-Hakenkreuzvergleichen und rot verschmierten Kinderpuppen, die die "israelischen Kindermörder" anklagen sollten. An die "Kindermörder" auf der anderen Seite hat man offenbar bei dieser Veranstaltung nicht so gedacht, dafür war man allgemein für Frieden und Selbstbestimmung), signalisieren eben so manche Kommentare genau diese Ambivalenz: eigentlich haben beide Recht. Die Israelis, weil sie ihr Territorium verteidigen und die Hamas, weil sie offene Grenzen für Gaza und ein freies Palästina fordert. Aber ist dem so? Was heißt die Forderung, Anerkennung Israels durch die Hamas bzw. die Palästinenser? In welchen Grenzen soll ein Israel anerkannt werden? Was heißt freie Grenzen? Wer kontrolliert diese dann und verhindert die Einfuhr neuer Waffen, die dann wieder gegen Israel gerichtet werden. Es ist fast schon üblich, von Gaza von einem "Freiluftgefängnis" zu reden. Nur, wer sperrt dort wen ein? In der Lesart der Sympathisanten der Hamas, Israel die Bewohner/innen des Gazastreifens. In der Lesart der Israelsympathisanten die Hamas, die die Gazabewohner/innen quasi als Geiseln nimmt (Schutzschilde vor Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen wird behauptet). Die Nahost-Logik funktioniert alsoi wieder. Zwei Parteien, die nicht miteinander können. Da wird schon wieder die Völkerpsychologie bemüht (wie in einem Interview mit Harald Haas heute im Ö1-Mittagsjournal).
Was würde passieren, wenn aber plötzlich 100.000e Menschen, die da in Gaza leben, an die Grenze marschieren und dann einfach weitergingen? Unmöglich, unverständlich? Vielleicht hätte dies ein Mahatma Gandhi vorgeschlagen. Die heutigen "Experten" (etwa John Bunzl in seinem Kommentar im Der Standard) beschränken sich lieber auf vertraute Positionen und geben damit, in gewissem Sinn, jedermann Recht.

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