Warum Sudelbuch?

In den "Sudelbüchern" - auch "Schmier-" oder "Gedankenbücher" genannt - notierte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine seine Gedanken, Einfälle, Überlegungen und Kurzfragmente. Dieses Sudelbuch enthält ebenfalls Tagesaktuelles. Aufgelesen in meinem Beruf, meiner akademischen Tätigkeit sowie bei der täglichen Medienlektüre.

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Lesefruechte

Sonntag, 11. Mai 2008

Zeit

Zeit vergeht, sagen wir so leichtfertig und machen uns keine Gedanken, was wir damit meinen. In der wünscherschönen und lesenswerten (Nicht-)Biographie von Ernst von Glasersfeld, einem, wie er selber sagt "Mosaik von Erinnerungen", lese ich dazu:
Wenn eine Folge von unterschiedlichen Wahrnehmungen aus ein und derselben Quelle durch das Aufmerksamkeitsmuster einer undifferenzierten Einheit verbunden wird, so entsteht der Begriff der Zeit; wenn, im Gegensatz dazu, eine Folge von gleichen Wahrnehmungen aus unterschiedlichen Quellen durch das Aufmerksamkeitsmuster einer Reihe von Einheiten verbunden wird, so entsteht der Begriff des Raumes. (EvG, Unverbindliche Erinnerungen, Wien-Bozen 2008, S. 232)
Von Glasersfelds Schlussfolgerung daraus ist so simpel wie einleuchtend: Die Zeit bewegt sich nicht, es sind unsere Empfindungen und Erlebnisse, die aufeinander folgen und darum notgedrungen vergehen. (Ebd.)
Was das für Auswirkungen auf die Vorstellung einer Geschichtswissenschaft hat, hätte ich ihn bei seiner Ehrendoktoratsverleihung fragen sollen. Vielleicht werde ich es noch schriftlich tun.

Sonntag, 9. März 2008

Joseph Weizenbaum (1923-2008)

Letzten Mittwoch ist Joseph Weizenbaum verstorben. Der Titel seines bekanntesten Buches, "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft", dürfte zu den meistzitiertesten Sätzen in diesem Bereich gehören. Gelesen düften dieses Buch, wie so viele Bücher mit griffigen Titeln, weit aus weniger Menschen haben. Mit Weizenbaum verstarb eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Er war ein leidenschaftlicher Verfechter der Zivicourage, sprach sich gegen die Illusion der so genannten Ohnmacht des Individuums aus und appellierte an dessen Verantwortlichkeit als stets handlungsfähiges Wesen. Darin ist er ein Vorbild und Vorreiter eines anderen politischen Weges abseits von Sozialismus, Liberalismus und Konservativismus. Schade, dass er eigentlich nur als Kritiker des Computerzeitalters und nicht auch als politischer Autor gelesen und verstanden wird. Im Alter kehrte er wieder nach Europa zurück und lebte die letzten Jahre in Berlin. Er hatte die nicht unberechtigte Sorge, dass er sich in den USA eine medizinische Betreuung nicht würde leisten können.
Oseh Schalom biMeromaw,
hu jaaeseh Schalom alejnu weal-kal-Jiserael

Dienstag, 26. Februar 2008

Zum Personal der Universität

"Das Personal der Universität muss nicht nur organisatorisch funktionieren, es
muss darüber hinaus mit den Ansprüchen von Intelligenz und Einfluss umgehen. In einer
aktuelleren Terminologie können wir sagen: Es muss etwas von den kognitiven Ansprüchen
im Umgang mit der Lage der Menschen in der Auseinandersetzung mit Welt und Gesellschaft
verstehen und es muss eine Ahnung davon haben, welche Art von Prestige in Anspruch
genommen und gepflegt werden muss, um im sozialen System der Gesellschaft für diese
kognitiven Ansprüche einstehen und sie durchsetzen zu können." und weiter: "Ihrem Personal allerdings sollte klar sein,
dass der Streit um die Autonomie der Universität nach wie vor nichts anderes ist als ein Streit
um die Art und Weise, wie die Politik in der Universität welche Art von Macht ausübt. Diese
Macht ist nicht das böse Andere, mit dem es Forschung und Lehre allenfalls als Gegenstand,
aber nicht als eigene Struktur zu tun haben, sondern sie ist das Medium, in dem die
Gesellschaft nach ihren Willkürchancen sucht, entdeckt, dass ihre Freiheit von der
Einschränkung dieser Chancen abhängt und der Universität den Auftrag (also doch!?) gibt,
ihre Intelligenz und ihren Einfluss darauf zu verwetten, hier den einen oder anderen Akzent
zu setzen."
Dirk Baecker in: Das Personal der Universitäten, Ms., Friedrichshafen 2007. Die online-Version des Ms. findet sich hier.

Montag, 25. Februar 2008

Unkonform

Unkonform waren und sind Götz Alys Ansichten immer. Etwa in seinen Arbeiten zur deutschen Volksgemeinschaft im NS-Staat, in dem er Vorläufer des späteren Wohlfahrtsstaates auszumachen glaubt. Nun auch in seiner Rückschau auf 68. Ein Zitat daraus:
"Die 1967/68 permanent vorgetragene Forderung nach Drittelparität in den universitären Gremien entstammt demselben rückwärtsgewandten ständischen Ordnungspinzip. Demokratie an der Hochschule ist etwas anderes als korporatistische »Gerechtigkeit« zwischen studentenschaftlichem Unterbau, Mittelbau der Assistenten und dem professoralen Oberbau [...]. Wissenschaft dreht sich um die Begriffe Freiheit, Idee und Leistung. Dafür bedarf es flacher, fachlich begründeter, leicht veränderbarer Hierarchien, des Wettbewerbs und der Transparenz, aber keine Gleichheits- und Gerechtigkeitsmaschinen."
(Götz Aly, Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück, Frankfurt am Main, 2008, S. 46-47.)

Sonntag, 27. Januar 2008

"Das alles ist erschreckend banal."

"Die Palästinenser, die es als Nation nicht gab, als die ersten zionistischen Einwohner den Boden des heutigen Israel betraten, die sich aber in unseren Tagen in der Phase der Nationswerdung befinden, haben ein Recht auf einen eigenen Staat. Die Araber, die das israelische Territorium in seinen Grenzen vor dem Sechstage-Krieg bewohnen, haben eine Recht darauf, nicht als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. In dem ganzen Konflikt steht, ich sagte dies schon bei anderer Gelegenheit, Recht gegen Recht. Nur muß beachtet werden, daß das Recht der Palästinenser - jener, die innerhalb der Grenzen des ursprünglichen Israel vor 1948 leben, und der anderen, welche die Kriege, an denen ihre arabischen Stammesgenossen so ganz unschuldig doch wohl nicht waren, von ihren Heimstätten vertrieben - prinzipiell ohne unüberwindliche Schwierigkeiten realisierbar ist. Was verlangt man von einen? Daß sie loyale Bürger Israels seien. Was wird von den anderen gefordert? Sie mögen endlich einmal klar das Faktum des jüdischen Nationalstaates anerkennen. Der Rest ist rein technischer Natur und darum mit einiger Intelligenz und gutem Willen zu meistern." (Jean Améry, Der ehrbare Antisemitismus, in: Merkur 337 (1976), S. 532-546, hier S. 535-536. - Eine zufällige Lesefrucht bei meiner Merkurlektüre. Wie immer noch aktuell sind diese Worte gerade heute angesichts der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten.

Sonntag, 13. Januar 2008

Morbus Austriacus

Der Menschenschlag der Voralpenlandschaft ist "heimtückisch, schmeichlerisch, grausam und von jenem fermentierenden Charme, der jeden Widerspruch mit Duliöhgelächter auffängt". Jean Améry in seinen Morbus Austriacus betitelten Bemerkungen zu Thomas Bernhards ›Die Ursache‹ und. ›Korrektur‹, erschienen in: Merkur 1 (1976), S. 91–94 hier wieder zitiert in profil 3/2007. Mir sind da gleich ein paar Alpenvorländler eingefallen ;-).

Sonntag, 6. Januar 2008

Zitat der Woche

"Die ganze Welt ist inzwischen bürgerlich, wir alle sind Mittelklasse. Und die wenigen, die das noch nicht sind, träumen davon, es zu werden. Ist das nicht grauenhaft? Eine einzige gigantische Welt-Klasse." (Claude Chabrol im profil 2/2008)

Montag, 21. Mai 2007

"Ernst des Lebens" (Lesefrucht XVII)

Das alles wär aber noch garnichts. Das schlimmste Vorurteil, das wir aus unserer Jugendzeit mitnehmen, ist die Idee vom Ernst des Lebens. Daran ist nur die Schule schuld. Die Kinder haben nämlich den ganz richtigen Instinkt: sie wissen, dass das Leben nicht ernst ist, und behandeln es als ein Spiel und einen lustigen Zeitvertreib. Aber dann kommt der Lehrer und sagt: 'Ihr müßt ernst sein. Das Leben ist es auch.' Lehrer sind Spielverderber. (Aus Egon Friedell, Vorurteile, in: Die Fackel, VII. Jahr, Nr. 190, vom 11.12.1905, S. 4-11, hier S. 8-9.)

Sonntag, 20. Mai 2007

Lesefrucht XVI

Eine dritte Irransicht, die sich nur auf das gedankenlose Annehmen fremder Meinungen stützt, ist die Idee: der Mensch muß Zeitungen lesen. Ich habe einen Freund, der niemals eine Zeitung ansieht, und er behauptet, diesem Umstand verdanke er seine Bildung. [...] Und der Verlust, den er hat, ist sehr gering. Um die Neuigkeiten zu erfahren, die wirklich wichtig sind, dazu brauchen wir nicht Zeitungen zu lesen; denn wir erfahren diese Dinge ebenso rasch auf anderem Wege: durch unsere Freunde und Bekannten, durch jeden Menschen, und vor allem durch unsern Raseur. Dagegen raubt uns das Lesen der Zeitung mindestens dreißig Minuten der behaglichen Frühstückszeit... (Aus Egon Friedell, Vorurteile, in: Die Fackel, VII. Jahr, Nr. 190, vom 11.12.1905, S. 4-11, hier S. 8.)

Samstag, 19. Mai 2007

Lesefrucht XV

Egon Friedell über das Reisen:
Die meisten Menschen reisen, weil es Mode ist, und weil sie ein neues ergiebiges Gesprächsthema haben wollen; denn aus sich selber können sie keines holen. Auch hat man immer gesagt: Reisen bildet, Reisen erweitert den Gesichtskreis, und wenn es so viele Menschen sagen, so wird es denn auch wahr sein. Dann aber müßten jene reichen Leute, die niemals zuhause sind, sondern immer nur dort, wo die 'Saison' ist, die gebildetsten Menschen sein. Aber gerade diese sind die ungebildetsten. Anderseits hat man noch selten beobachtet, dass die Bildung eines wirklich bildungsfähigen Menschen unter dem Mangel an Reiseeindrücken gelitten hätte. Kant, der nie über den Umkreis seiner Vaterstadt hinausgekommen war, wußte nicht nur mehr von der Welt und ihren Bedingungen als alle Weltumsegler, er laß auch Kollegien über Geographie, die den größten Zulauf hatten.
(aus: Vorurteile, in: Die Fackel, VII. Jahr, Nr. 190, vom 11.12.1905, S. 4-11.)