Warum Sudelbuch?

In den "Sudelbüchern" - auch "Schmier-" oder "Gedankenbücher" genannt - notierte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine seine Gedanken, Einfälle, Überlegungen und Kurzfragmente. Dieses Sudelbuch enthält ebenfalls Tagesaktuelles. Aufgelesen in meinem Beruf, meiner akademischen Tätigkeit sowie bei der täglichen Medienlektüre.

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Utopisches

Freitag, 7. März 2008

999 Tage im Netz

stehen 244 Beiträge und 39 Kommentare gegenüber. Das Sudelbuch wurde als Selbsttest begonnen, ob und wie Gedanken im Netz festgehalten werden können. Nun ist die Testphase vorbei, die Anfangseuphorie, sollte sie dabeigewesen sein, längst verflogen und ein Routinebetrieb eingetreten. Nochmals 999 Tage more of the same oder doch was ganz anderes?

Montag, 18. Februar 2008

Lebertran und Himbeersaft

Gestern Abend nach einer ermüdeten Polit-Debatte in der Sendung "Im Zentrum" habe ich mir noch den Film "Darwins Nightmare" angesehen. Um 0:30 Uhr mußte ich w.o. geben. Warum werden gehaltvolle Filme im Fernsehen immer erst um Mitternacht gezeigt? Ich fühlte mich an eine Diskussion vor über 20 Jahren mit dem damaligen steierischen Landesstudioleiter erinnert. Der meinte damals meine Frage, warum es nicht mehr Sendungen mit Niveau im Fernsehen gibt: Der Mensch braucht nicht nur Lebertran, sondern auch Himbeersaft. Diese Einstellung sagt alles: Lebertran ist in dieser Logik "Darwins Nightmare" und Himbeersaft Hansi Hinterseer. Offenbar hat sich im öffentlichen Fernsehen an dieser Einstellung nichts geändert. Selber Schuld. Ich sollte wieder mehr in's Kino gehen.

Sonntag, 28. Oktober 2007

Verschwörungstheorien

Schade, dass auch Linke nicht vor Verschwörungstheorien gefeit sind. Der Autor, Journalist und ehemalige PDS-Abgeordnete Winfried Wolf griff zu einigen solcher Theorien, um sein neues, voluminöses Buch "Verkehr - Umwelt - Klima" zu präsentieren. Wieder einmal sind die USA an allem Schuld (an der Beschleunigung, an der Verdrängung der Eisenbahn, an der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen etc.) und auf europäischer Ebene der European Round Table, ein Zusammenschluss europäischer Industrieller, der angeblich die Untertunnelung der Alpen aufs Tapet gebracht hat. Dass solche Pläne schon seit über 70 Jahren existieren, ist dem Diplompolitologen leider entgangen. Nicht, dass solches Lobbyismus gering geschätzt werden darf, aber damit die alte These von der Unterwanderung durch das Kapital wieder aufzuwärmen, ist zu banal. Nur am Rande, in seiner letzten von acht Thesen, erwähnte Wolf die Mobilität als eine der Triebfedern des modernen Verkehrsaufkommens. Wir wollen mobil sein und das möglichst individuell. Die staatliche Eisenbahn scheint da ins Hintertreffen zu geraten. Neue Verkehrskonzepte sind gefordert. Richtig ist sein Hinweis auf die "Unwirtlichkeit der Städte (A. Mitscherlich). Sein Beispiel Venedig als autolose Stadt ist allerdings putzig. Wer kann es sich dort noch leisten, zu wohnen? Die Tendenz allerdings stimmt, wenn wir Freizeitverkehre vermeiden, hätten wir schon viel an Mobilität gewonnen.

Sonntag, 30. September 2007

André Gorz (1924 - 2007)

Der Tod von André Gorz trifft. Gerade hatte ich mit Gewinn seine Schrift "Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie" (Rotpunktverlag, 2. Auflage 2005) gelesen. Gorz bin ich erstmals 1984 lesend begegnet. Damals sind seine 25 Thesen zum Verständis der Krise und Zukunft der Arbeit auf Deutsch unter dem Titel "Wege ins Paradies." im Rotbuch Verlag Berlin erschienen. Ein Buch das mich entscheidend auf meinem poltischen Weg geprägt hat. Das Festhalten an der Fortschrittsideologie, an der Hoffnung der Vollbeschäftigung und lebenslangen Erwerbsarbeit, all das, was die Sozialdemokratie in meinen Jugendjahren noch fest gepredigt hat, wurde hier einer gründlichen Kritik unterzogen. Seine Thesen zur Senkung der Lebensarbeitszeit (20.000 Stunden sind genug) und zum "Sozialeinkommen" haben Debatten ausgelöst und begeleitet. Gorz selber habe ich dann - leider- etwa aus den Augen verloren. Zwar ab und an von ihm interessante Beiträge in Monatsschriften gelesen, aber seine Bedeutung für mich wurde von anderen Autorinnen und Autoren, die ich gelesen habe, etwas verdrängt. Erst mit dem erwähnten Buch zur Kritik der Wissensökonomie habe ich ihn wiederentdeckt.
Nun ist André Gorz, zusammen mit seiner schwer kranken Frau Dorine, durch einen "Doppelselbstmord in Liebe" (so die taz), freiwillig aus dem Leben geschieden. Damals, als ich Gorz das erste Mal gelesen habe, beschäftigte ich mich auch mit dem Freitod. Angeregt durch die Streitschrift von Jean Améry, "Hand an sich legen. Diskus über den Freitod" (erstmals erscheinen 1976). Sicher kannte Gorz die Notate von Karl Marx, die unter dem Titel "Vom Selbstmord" 1846 erschienen sind. Sie habe ich spontan aus dem Regal genommen, als ich von seinem und seiner Frau Tod heute gelesen habe.

Samstag, 28. April 2007

Europa im Jahr 2031

Die meisten Trend- und Zukunftsforscher haben ja etwas Langweiliges an sich, weil sie meist den heutigen Zeitgeist in die Zukunft projezieren und so tun, als würde das, was wir heute vermuten, in absehbarer Zeit Allgemeingut werden.
Einen völlig anderen Weg wählte sms (Stefan M. Seydel) bei seinem Auftritt anläßlich der Tage der Utopie im Vorarlbergerischen Arbogast. Er blickt zurück auf das Heute und zwar aus dem Jahr 2031.
Aus Jahr 2031 rückblickend, erläutert Seydel, dass sich der Kontinent von der Moderne ausgehend in ein Europa als Museum von Großstädten der Moderne, mit peripherer Bevölkerung verwandelt hat. Grund dafür waren - seiner Analyse zur Folge - zunehmende Spannungen und Stress der Moderne, die unwillkürlich viele in Agression und Depression führten. Dabei entwickelte sich aber auch - abseits der Metropolen - ein Leben in gelassenen, peripheren Gesellschaften, die - gerade weil sie soviel schlafen und sprichwörtlich die Geschehnisse der Welt verschlafen - ein geruhsames, zwischenmenschlich erfüllendes Leben führen.
Sein Vortrag mit dem Titel "Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Identität, Familie und Gesellschaft im gekrümmten Raum" ist auszugsweise hier zu hören.
Wer mehr von diesem interessanten Zeitgenossen erfahren will, besuche sein Web-Projekt: www.rebell.tv.
Dank einmal mehr an Johannes Rauch, der mich in seinem Blog auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht hat.