Warum Sudelbuch?

In den "Sudelbüchern" - auch "Schmier-" oder "Gedankenbücher" genannt - notierte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine seine Gedanken, Einfälle, Überlegungen und Kurzfragmente. Dieses Sudelbuch enthält ebenfalls Tagesaktuelles. Aufgelesen in meinem Beruf, meiner akademischen Tätigkeit sowie bei der täglichen Medienlektüre.

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historisches

Donnerstag, 17. Mai 2007

"freiwillig aus dem Leben"

1949 schrieb der Herausgeber und Übersetzer Walther Schneider (1897 - 1970) in einem Vorwort zur Kulturgeschichte Griechenlands von Egon Friedell, dieser sei 1938 nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deuschland "freiwillig" aus dem Leben geschieden. Ist es ein "freiwilliger" Tod, wenn jemand aus dem Fenster springt, nachdem an der Tür zwei SA-Männer erschienen waren, um den "Jud Friedell" abzuholen. Welche Alternative wäre Egon Friedell geblieben. Sich verhaften zu lassen? Wie kommen solche Aussagen zustande? Aus Scham vor dem Geschehenen, das nicht selten unter tatenlosem Zusehen der Mitmenschen geschehen ist. Aus Unverständnis den Ereignissen gegenüber? Friedell hatte bereits 1935 gegenüber den Hitlerschergen klare Worte gefunden:
Jede Regung von Noblesse, Frömmigkeit, Bildung, Vernunft wird von einer Rotte verkommener Hausknechte auf die gehässigste und ordinärste Weise verfolgt.
Hat er damals schon damit gerechnet, dass ihn knapp drei Jahre später diese Verfolgung treffen und er diese Begegnung mit dem Leben bezahlen würde? Bereits einen Tag vor dem "Anschluss" hat er an Ödön von Horvath geschrieben, er sei jedenfalls immer in jedem Sinne reisefertig. Friedell sprang am 16. März 2008 um 22.00 Uhr "freiwillig" in den Tod.

Dienstag, 1. Mai 2007

Fassadenstreit

Kaufhaus-Tyrol-I Um die Neugestaltung des Kaufhauses Tyrol in Innsbruck tobt seit längerer Zeit ein Streit. Nachdem ein Investor die Gebäude gekauft und den Um-/Neubau von der Stadt genehmigt bekommen hatte, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Obwohl allen Insidern klar war, dass mindestens 2 der 3 Häuser abgerissen werden müssen (aus Kostengründen zur Betreibung des Kaufhauses), ließ der Wettbewerb dies offen. Der Aufschrei war groß, als der Wettbewerb ein Projekt zum Sieger kürte, dem 2 der 3 Objekte zum Opfer fallen würden. Kaufhaus-Tyrol-II"Käsefassade" benannte der Volksmund unter tatkräftiger Zurhilfenahme der örtlichen Presse und eines Teils des bürgerlichen Establishments das Siegerprojekt. Es entstand ein monatelanger Rechtsstreit, dem sich der Investor dadurch entzog, dass er einerseits die Gebäude bis auf die Fassaden in der Maria Theresienstraße abreißen und zugleich ein neues (gefälligeres?) Projekt planen ließ. Kaufhaus-Tyrol-III Dieses wurde am Freitag letzter Woche vorgestellt. Es ist eine Kapitulation vor dem Geschmack der Meinungsmacher. Will modern sein, ist aber nur gefällig und verhält sich brav. Da lobe ich mir die alte(n) Fassaden. Warum werden die eigentlich nicht erhalten? Weil sie daran erinnern, dass das Kaufhaus seit 1902 (Nr. 33) bzw. 1893 (Nr. 37) in jüdischem Besitz stand (Bauer & Schwarz), 1938 als "arisches" Kaufhaus wiedereröffnet und nach 1945 nicht restituiert wurde?

Sonntag, 31. Dezember 2006

Ultimo

Gestern hat eine Volkskundlerin in der Ö1-Sendung Diagonal die Silvesterfeiern zum städtischen Phänomen erklärt. Das stimmt zwar, ist aber ungenau. Die Bedeutung des Letzten (Monats oder Jahr) stammt aus dem Handel. Der Ultimo (aus dem Lateinischen mit der Bedeutung "der Letzte") war und ist für Kaufleute und Händler von Bedeutung (zum Montasende mußten die Gelder überwiesen werden). Mit dem letzten Monat im Jahr werden die Bücher "geschlossen" und am Ersten des neuen Jahres neu begonnen. Das bäuerliche Denken hingegen ist zyklisch. Somit hatte der Jahresletzte für die Bauern nie die Bedeutung wie für die Kaufleute. Da letztere vorwiegend in Städten lebten, kann der Silvesterbrauch als städtisches Phänomen gesehen werden.
Der 31. Dezember als letzter Tag des Jahres wird seit der Einführung der Gregorianischen Kalenderreform, 1582, begangen. Damit wurde das Jahresende vom 24. auf den 31. Dezember verlegt.
Gemeinsam ist sowohl dem bäuerlichen wie dem kaufmännischen Denken die Absicht, in die Zukunft schauen zu können. Während das bäuerliche Jahr zahlreiche Lostage kennt, zu denen vor allem Wettervorhersagen möglich sind, kennt das bürgerliche Jahr eigentlich nur den Jahresletzten als Tag der Vorausschau.

Freitag, 15. September 2006

Hasserfüllte Gesichter

Und wieder begegnen sie einem in fast jedem Medium, die hasserfüllten Gesichter von Muslimen (es sind vorwiegend Männer), die sich lautstark und unversöhnlich gegen eine Äußerung des "Westens" richten. Diesmal gegen eine Aussage von Papst Benedikt XIV. Dieser hatte am 12. September 2006 in seiner Vorlesung "Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen." an der Universität Regensburg offenbar die Muslime beleidigt. Was hat er gesagt. U.a. hat er seinen Leseeindruck eines Dialogs, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam geführt hat, referiert: Darin kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Manuel II. sagte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründete, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann...".
Ich gehe davon aus, dass kaum jemand der Protestierer diesen Text und seinen Kontext gelesen hat. Der Papst, der mir im übrigen nicht besonders sympathisch ist (genau so wie sein Vorgänger), richtet sich hier nicht gegen die Muslime, sondern gegen Religionen, die Gewalt als Mittel zum Zweck propagieren. Damit ist auch das Katholikentum gemeint, das auch Glaubenskriege geführt hat. Der Papst appelliert an die Vernunft, nicht Gewalt zur Durchsetzung von (religiösen) Argumenten einzusetzen. Das all interessiert die Kritiker aber offensichtlich nicht. Wieder einmal haben sie ein Zeichen gefunden, das ihnen zeigt, wie verwerflich der Westen sei. Dass sie damit mehr oder weniger direkt die Polemik Manuels II. bestätigen, sei einmal dahin gestellt. Erschreckend ist aber, dass es immer noch möglich ist, mit historischen Ereignissen heute aktuelle Politik zu machen. Für mich als Historiker beängstigend. Dass der Papst in seiner offensichtlichen Weltabgewandtheit kein Sensorium für seine Aussagen hat, steht auf einem anderen Blatt. Offenbar hat ihn der genius loci vergessen lassen, dass er nicht mehr als junger Professor der späten 1950er Jahre zu den Menschen spricht, sondern als weltumspannend unter Beobachtung stehender Religionsführer.

Donnerstag, 17. August 2006

und die Moral von der Geschicht...

Günther Grass hat eingestanden, dass er Ende 1944 der Waffen-SS beigetreten ist. Er hätte sich zur Wehrmacht gemeldet, eigentlich wollte er zur Marine, die aber niemand mehr aufgenommen habe, weil er dem Elternhaus entfliehen wollte. Diese Geschichte hat mich stark an meinen Großvater erinnert. Auch der ist, gerade mal 18 Jahre alt geworden, 1938 der Waffen-SS beigetreten. Auch er freiwillig, auch er, weil er seinem Vaterhaus (oder besser gesagt, dessen Erziehung, fliehen wollte). Der Vater meines Großvaters war Gendarm. Mein Großvater hat den Krieg mitgemacht, wie man so schön sagt. Er konnte sich aus dieser "Lausbuberei" nicht damit herausreden, eh auf keinen Menschen geschossen zu haben. Ich habe ihn nie gefragt, wieviele Menschen er in diesen 6 Jahren erschossen hat. Vermutlich weiß er es selbst nicht so genau. Dass es bei seinen Einsätzen Tote gegeben hat, ist sicher.
Mein Großvater hat nicht bis an sein Lebensende darüber geschwiegen, in die Waffen-SS eingetreten zu sein. Er ist später weder als großer Verfechter des Krieges aufgetreten, noch als großer Gegner. Er hakte diese Zeit als verlorene Jahre ab. Seine Jugend hatte er sich versaut und irgendwie auch seine Zukunft. Mein Großvater wird das Outing von Günther Grass nicht mitverfolgt haben (seine Augen sind zu schlecht, als dass er noch Fernsehen oder Zeitung lesen kann). Ob es ihm jemand erzählt hat, weiß ich nicht. Ob ich es ihm erzählen werde, weiß ich auch noch nicht. Wozu?

Dienstag, 18. April 2006

"Ausgelöscht"

Vor mehr als zwei Jahren wurde in einem Studierendenprojekt eine Ausstellung konzipiert, die sich mit der "NS-Euthanasie" in Tirol, Südtirol und Vorarlberg beschäftigt. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen nicht so sehr das unfassbare Grauen in Form von Zahlen, Fakten und Daten, sondern exemplarisch sechs Lebensgeschichten, die die Opfer dieser Verbrechen als Menschen und nicht als bloße Nummern oder "unwertes Leben" darstellen. Das Projekt ist auf einer eigenen Homepage dokumentiert. Nur wird diese Ausstellung ab dem Wochenende in Hartheim gezeigt. Ein beklemendes Gefühl. Eine der Porträtierten ist in Hartheim getötet worden. Andere waren für den Abtransport nach Hartheim bestimmt. Heute ist der Ort Lern- und Gedänkstätte.

Donnerstag, 2. März 2006

Tiroler Gröstl

In der Wochenendausgabe des Standard hat der Tiroler Landeshauptmann Herwig Van Staa sehr bemüht um seine persönliche Integrität auf einen Vorwurf von Helmut Butterwerk reagiert. Dieser hatte Van Staa vorgeworfen, in den Medien laut über ein "Ausfuhrverbot" für zu restituierende Kunstwerke nachgedacht zu haben.
In der für Van Staa typischen Manier hat dieser zunächst seine Familie als Zeuge für seine antifaschistische Gesinnung beschworen, um dann in gewundener Sprache doch den Butterwerkschen Vorwurf zu bestätigen: "Ich stehe auch zu meiner Feststellung, dass für Kunstgegenstände, die für die österreichische Kultur von unverzichtbarer Bedeutung sind, ein Ausfuhrverbot erlassen werden hätte sollen. Dies jedoch unter der Voraussetzung, dass rechtmäßige Eigentümer nicht zu Schaden kommen. Die Entscheidung darüber, welche Werke in diese Kategorie fallen, sollte von einer unabhängigen Expertenkommission getroffen werden."
Ich habe mir erlaubt, in einem Kommentar darauf zu antworten. Als Antwort erhielt ich heute eine Email eines Kollegen, der meine Ausführungen in einem Punkt für überzogen hält. Er könne nicht feststellen, dass österreichische Stellen nach 1945 sich für die Rückgabe von Beutekunst Kunstwerke als "Entschädigung" ausbedungen hätten. Mag sein, dass dies kein Österreich weites Phänomen war, ein Tiroler Phänomen war es allemal. Ein Blick auf die Restitutionsseite des Tiroler Landesmuseums genügt:
Bernhard Altmann: Rückzahlung der 1950 überlassenen Spende von ATS 1.000
Gustav Arens (Fritz Haas): Rückzahlung der 1947 überlassenen Spende von ATS 200
Oskar Bondy: Rückgabe der 1947 überlassenen vier Gläser
Felix Kornfeld: Rückzahlung der 1950 überlassenen Spende von ATS 500
Albert Pollak: Rückgabe der 1952 und 1953 überlassenen Objekte
Ernst Pollak: Rückgabe der 1948 überlassenen Scheibenarmbrust
Robert Pollak: Rückzahlung des 1947 überlassenen Betrages von ATS 1000
Alphonse Rothschild: Rückzahlung des 1947 überlassenen Betrages von ATS 400
Louis Rothschild: Rückgabe des 1947 überlassenen Gemäldes von Johann Baptist Lampi d. Ä Bildnis des Senators Adam Rzyszewski Inv.Nr. Gem 1283
Alfons Thorsch: Rückzahlung der 1947 überlassenen Spende von ATS 400
Das Resümee der darauf angesetzten Historikerin lautet nüchtern: "Insgesamt hatte das Museum nach Abschluss der von ihm angemeldeten Restitutionsfälle 14 Objekte als 'Spenden' und S 4.500,- als Entschädigung für die Betreuung der Kunstgegenstände von den Eigentümern erhalten." Vgl. C. Sporer-Heis, Zur Frage der Restitution jüdischen Eigentums am Tiroler Landesmusum Ferdinandeum, in: G. Anderl/A. Caruso (Hg.), NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck-Wien-Bozen 2005, S. 127.

Samstag, 18. Februar 2006

Reise in die Vergangenheit III

Warschau. Es ist wieder tiefster Winter geworden. Da unser Hotel in der Nähe der wieder aufgebauten Altstadt liegt, werden wir diese vor dem Abflug noch etwas erkunden, falls wir überhaupt starten können.
Die Altstadt (Stare Miasto) in der Früh ist noch ruhig. Es ist wenig los. Wir besuchen deshalb die verschiedenen Gedenkstätten des Aufstandes, wobei ich zwar das Bild von Willy Brandt bei seinem Warschau-Besuch 1970 im Kopf habe (der berühmte "Kniefall"), aber erst jetzt den Zusammenhang sehe. die Gedenkstätte liegt mitten in einem wiederaufgebauten Wohnviertel. Es schaut aus wie in einem abgelegenen Vorort. Die Häuser sind heute großteils abgewohnt.
Die Distanzen in Warschau sind gewaltig. Erst spät verwenden wir auch öffentliche Verkehrsmittel, um halbwegs voran zu kommen. Damit gelangen wir auch zum Kulturpalast, einem stalinistischen Kulturbau der 1950er Jahre. Kaum vorzustellen, dass hier 1967 die Rolling Stones gespielt haben.
Mit dem Bus 175 treten wir schließlich die Rückreise zum Flugplatz an. Wir kommen gerade noch rurecht. Das Fluzeug ist gut gefüllt. aufgrund des Nebels sind nämlich die beiden Flüge zuvor ausgefallen. Die Reise und das Interview werden mich noch lange beschäftigen.

Freitag, 17. Februar 2006

Reise in die Vergangenheit II

Aufbruch nach Tomaszów Mazowiecki. 1 gute Stunde Fahrt ist veranschlagt. Hans hat ein Taxi besorgt, in dem wir alle bequem Platz finden. Er war schon mal vor Jahren dort, allerdings damals von Krakau kommend.
Wir fahren über Land. Viel Verkehr. PKWs und LKWs. Die Straße ist glatt und teilweise schneebedeckt.
Der Fahrer kennt das Lied "Theo wir fahr'n nach Lodz". Wir auch (vom hören). Aber wer kennt die Geschichte, die hinter diesem Lied steht. Ich kann sie auch erst nach meiner Rückkehr wirklich recherchieren.
1974 hat Vicky Leandros damit einen Charts-Hit. Als Texter ist u.a.
Fritz Löhner angeführt. Dieser wurde 1883 in Böhmen als Friedrich Löwy geboren und nannte sich später Fritz Löhner-Beda. Als solcher wurde er zum gefragten Kabaretttexter der Zwischenkriegszeit, der auch für die Operette gearbeitet hat (ua. "Land des Lächelns"). Er schrieb Texte für Gassenhauer wie "Ausgerechnet Bananen" oder "Was machst du mit dem Knie, lieber Hans". 1942 wurde er ins KZ Auschwitz verschleppt, wo er im selben Jahr noch angeblich an Altersschwäche verstorben ist, wahrscheinlich wurde er ermordet.
1936 verfasste er mit Alfred Grünwald den Text für die Operette "Polnische Hochzeit" / Musik v. Joseph Beer. Operette in 3 Akten (mit e. Vorsp.). Gut möglich, dass sich die Urfassung des Liedes dort findet.
Offenbar ist der Text bzw. sind Teile des Textes älter (es gibt auch fremdsprachige Versionen davon).
Der Text handelt von einem eher einfältigen Menschen (einem Bauer) in der Gegend um Lodz, der von seiner weiblichen Begleiterin aufgefordert wird, das eher triste und langweilige Umland zu verlassen und in die Stadt Lodz zu fahren, wo was los sei.
Warum Vicky Leandros auf diesesn Text zurückgriff, ist nicht bekannt. So rasch gelangt man jedoch wieder in die jüngere Geschichte.

Donnerstag, 16. Februar 2006

Eine Reise in die Vergangenheit I

Abflug um 15:25 Uhr von Innsbruck. Ich bin spät d'ran. Glaube mal wieder, im Büro das Erledigen zu müssen, was in den letzten Tagen liegengeblieben ist.
Am Schalter rügt mich die Dame. Ich möge in Zukunft früher kommen oder anrufen, sonst wäre der Platz weg (es gäbe eine Warteliste). Bin aber ganz froh, nicht noch länger zwischen den aufgekratzten Touristenkindern und den smarten Geschäftsreisenden, die bis zum leztten Abdruck telefonieren und irgendwelche Wichtigkeiten in den Laptop klopfen, warten zu müssen.
Im Flugzeug dann gar nicht alle Sessel besetzt. In der Reihe neben mir ein Arbeitskollege, der nach Wien muss. Langsam stimme ich mich auf die Reise ein. Was mich wohl erwartet?
Zunächst einmal eine unangenehme Überraschung. Wir müssen über Solenau kreisen, weil keine Landebahn frei ist. Dann geht es doch hinunter, aber gleich folgt die 2. unangenehme Überraschung. Wir starten nochmals durch. Die Lautsprecheransage verkündet lapitar, dass sich vor uns ein Flugzeug auf der Landesbahn befunden hätte, weshalb eine Landung nicht möglich gewesen sei. Ich verdränge diese Meldung. Mein Anschlussflug nach Warschau startet in nicht einmal einer halben Stunde, den gilt es nicht zu verpassen.
Am Gate wartet bereits Markus, mit dem ich die Weiterreise gemeinsam bestreite.
Pünktlich heben wir ab. In knapp 1,5 Stunden sollten wir in sein. Langsam beginne ich mich doch mit dem Grund der Reise zu beschäftigen. Wir sind eingeladen, mit einem ehemaligen "Zwangsarbeiter" ein Gespräch zu führen. Er wohnt in der Nähe von Lodz und wir sollen morgen mit ihm zusammentreffen. Hans, der das alles für uns organisiert hat, ist schon in Lodz. Er erwartet und dort.
Im Flugzeug gibts kein Essen. Ein Fehler, dass ich beim 1. Flug das Essen großzügig ausgeschlagen habe.
Markus und ich besprechen die Weiterfahrt. Lt. meinem Führer fährt ein Bus vom Flughafen ins Zentrum von Warschau. Wir überlegen, von wo wir die Weiterfahrt antreten sollen. Vom Zentralbahnhof oder von dem, den mir der österreichische Fahrplan ausgeworfen hat.
Aufgrund einer doch länger dauernden Passkontrolle verpassen wir den Bus um eine Minute. Also mit dem Taxi. Der Mann beim Taxistand weistz den Fahrer an, uns zum Zentralbahnhof zu bringen. 25 Zloty soll die Fahrt kosten. In rund 20 Minuten sind wir am Bahnhof.
Ein moderner Bau, wie fast alles hier in der Stadt. Nach dem Aufstand wurden über 85 Prozent der Gebäude der Stadt von den Deutschen niedergemacht. Die Bauten des Kommunismus schauen aus wie überall.
Am Bahnhof einige Warteschlagen. Es scheint länger zu dauern. Die beiden Ticketautomaten sind kaputt. Wir erwischen die falsche Schlange. Eine Person bevor wir d'ran sind, fällt der Rollladen. Nochmals anstehen. Mit dem Essen wird es wohl nichts. Nach einer halben Studne haben wir die Fahrkarten nach Lodz. Umgerechnet knapp 7 Euro für eine Fahrt von 2,5 Stunden. Noch ist Zeit zum Essen. Wir wählen den Kebab-Stand. Es scheint dort rascher zu gehen, als in der "polnischen Küche", auch denn diese verkündet, 25 Stunden offen zu haben. Bier gibt es keines, wie überhaupt im gesamten Bahnhofsbereich (jedenfalls nicht offiziell und für uns einsehbar).
Peron 4, 20.20. Abfahrt nach Lodz. Bisher hat alles wie am Schnürchen geklappt. Entspannt fahren wir durch die dunkle Winterlandschaft unserem Ziel entgegen. Dort angekommen erwartet und Hans bereits am Bahnhof. Wir gehen zu Fuß zu unserem Hotel im Zentrum der Stadt. Hans erzählt uns ein wenig von der Geschichte der Stadt und dem Grund seines Hierseins.
Ein Bier nehmen wir später noch in einem Pub. Gegen 1 Uhr geht's ins Bett. Morgen wollen wir um 9.00 Uhr nach Tomaszów Mazowiecki aufbrechen.