Warum Sudelbuch?

In den "Sudelbüchern" - auch "Schmier-" oder "Gedankenbücher" genannt - notierte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine seine Gedanken, Einfälle, Überlegungen und Kurzfragmente. Dieses Sudelbuch enthält ebenfalls Tagesaktuelles. Aufgelesen in meinem Beruf, meiner akademischen Tätigkeit sowie bei der täglichen Medienlektüre.

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internationale Politik

Freitag, 5. Januar 2007

Trau keiner Statistik

Es gibt ja das Bonmot von Churchill, trau keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast. Ja, mit Statistik läßt sich Lügen. Lt. Benjamin Disraeli gibt es Lügen, verdammte Lügen und Statistik. Eine lange Einleitung für ein Lob auf die Statistik. Mich hat der Einsatz von Statistik und die Visualisierung ihrer Ergebnisse, wie von Otto Neurath in den 1920er Jahren in der Volksbildung im "Roten Wien" eingesetzt, immer schon fasziniert. Auf Christoph Chorherrs interessantem Blog habe ich einen Link zu einer interessanten Themenaufbereitung mit Statistik gefunden. Sehenswert, ohne belehrend zu sein. Eine gut investierte Zeit, sich diese Präsentation der "Menschlichen Entwicklung 2005" anzusehen. Eine interessante Software (Gabminder, ein Google-Tool), mit der das umgesetzt wurde.

Sonntag, 24. September 2006

Politik der Lüge? (6 Tage vor den NR-Wahlen)

Der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat im Mai dieses Jahres in einer als "Skandalrede" bezeichneten Ansprache an seine Parteigenossen ausgesprochen, dass er es satt habe, gesellschaftliche Lügen nicht angreifen zu dürfen, weil die Partei deren politischen Folgen fürchte. Statt dessen wäre morgens, nachts und abends gelogen worden.
Lügen österreichische Politiker auch? Der laufende NR-Wahlkampf bietet Gelegenheit, dies festzustellen. Eine der Hauptlügen der beiden Großparteien ist, dass sie so tun, als könnte mir ihrer Politik die Arbeitslosigkeit bekämpft und wieder Vollbeschäftigung erlangt werden. Dieses Versprechen gehörte zum Repertoire beinahe jeder Regierung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und diente auch der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens. Dieses Versprechen läßt sich aber heute nicht mehr aufrecht erhalten. Ein Beispiel dafür ist Schweden, wo gerade die sozialdemokratische Regierung abgewählt wurde, weil sie die Arbeitslosikgkeit trotz erfolgreicher Wirtschaftsdaten nicht zu senken vermochte. Angesichts des Umstandes, dass die "arbeitsgesellscchaftliche Utopie" (J. Habermas, Zeitdiagnosen) erschöpft sind, gerät die "alte" Solidarität aufgrund der Produktivität der Arbeitsverhältnisse ins Hintertreffen. Eine "neue" Solidarität ist angesagt. Sie kann sich nicht mehr auf dem Generationenvertrag der Erwerbstätigen mit den noch nicht und nicht mehr Erwerkstätigen stützen. Diese neue Solidarität muss die Unversehrtheit und Autonomie aller Lebensstile in einer Gesellschaft garantieren. Nur so etwa kann der "Ausländerhetze" entgegnet werden, die in diesem NR-Wahlkampf wieder aufgeflammt ist. Ein garantiertes "Mindesteinkommen" wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es könnte sich als die Lüge der Grünen in diesem Wahlkampf herausstellen, zwar ein Grundsicherungsmodell im Programm, dieses aber zu wenig offensiv propagiert zu haben.

Donnerstag, 3. August 2006

Sonderstatus

Irgendwann in den 1990er Jahren. Wir, das sind einige Kolleginnen und Kollegen und Studierende des Innsbrucker Zeitgeschichteinstituts, sitzen im Gastgarten eines vielbesuchten Gasthauses in der Nähe der Universität. Mitten unter uns Ari Rath, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der Jerusalem Post. Rath ist interessiert zu hören, was wir über Israel berichten. Wir waren gerade dort, auf einer Institutsexkursion. Die Schilderungen überwerfen sich. Alle sind noch fresh packed with impressions. Irgendwann melde ich mich in der Runde. Israel sei spannend auf einem tollem Weg, meine ich, aber wieso kann sich Israel nicht auch "normalen" Themen widmen, wie etwa dem Umweltschutz. Ari schaut mich tief an. Ich ringe nach erklärenden Worten. Meine Argumente scheinen ihn aber nicht zu überzeugen. Irgendwann meint er, ich gehöre eben einer anderen Generation an. Das müsse er mir zugestehen, aber ich hätte, wenn ich das so sehe, keine Ahnung von der Situation dort. Ich fühlte mich verkannt. Ich wollte doch nicht gegen Israel sprechen, sondern vielmehr dessen Normalität einfordern. Heute weiß ich, dass ich damit falsch lag. Der Status dieses Landes, wird gerade wieder in Frage gestellt. Von Menschen, die die Juden noch immer am liebsten ins Meer treiben wollen. Und diese Menschen erhalten auch Sympathie dafür. Weil sie sich als Opfer Israels sehen. Diesen Sonderstatus Israels infrage zu stellen, ist aber politisch nicht korrekt. Darauf hat Isolde Charim heute im Kommentar der Anderen im Standard hingewiesen: "Israel kritisieren - aber richtig". Ich habe es damals nicht richtig gemacht. Das ist mir aber erst wieder in diesen Tagen bewußt geworden.

Samstag, 29. Juli 2006

Das Diktat der Meinungs-Gemeinschaften

Am Beginn des Krieges im Nahen Osten schickte mir ein Bekannter per E-Mail Aufnahmen aus dem Gaza-Streifen, die zerstörte Gebäude und verstörte Menschen zeigen. Sein Kommentar dazu, nicht länger schweigen, sondern die Bilder weiterverbreiten, um das Elend der Palästinenser zu stoppen. Ich habe die Bilder umgehend gelöscht, wie auch schon zuvor. Warum? Im heutigen Standard liefert Robert Misik eine Typologie der "Meinungs-Gemeinschaften" zur Nahost-Thematik. Demnach zählt mein Bekannter zur Gruppe der "Friedensfeunde", in diesem Fall "Sektion B: die etwas härteren Antiimperialisten, für die ohnehin alles schlecht ist, was Israel oder die USA tun". Fallweise gehörte er auch schon zur Sektion A: den "maßvollen Kritiker[n] an Israels 'unverhältnismäßigem Vorgehen'". Eigentlich nie habe ich von ihm bisher Bilder geschicht bekommen, die Israelis als Opfer von Attentaten zeigen, die palästinensische oder islamistische Gruppen verübten.
Es fragt sich, zu welcher Gruppe man selber gehört? Auch dafür liefert Misik eine Antwort: "Ich will nicht mit antimuslimischen Ideologen gemeinsam für diesen Krieg, und ich will nicht mit antiisraelischen und antisemitischen Herumdrucksern gemeinsam gegen diesen Krieg sein."