Warum Sudelbuch?

In den "Sudelbüchern" - auch "Schmier-" oder "Gedankenbücher" genannt - notierte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine seine Gedanken, Einfälle, Überlegungen und Kurzfragmente. Dieses Sudelbuch enthält ebenfalls Tagesaktuelles. Aufgelesen in meinem Beruf, meiner akademischen Tätigkeit sowie bei der täglichen Medienlektüre.

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Sonntag, 11. Mai 2008

Zeit

Zeit vergeht, sagen wir so leichtfertig und machen uns keine Gedanken, was wir damit meinen. In der wünscherschönen und lesenswerten (Nicht-)Biographie von Ernst von Glasersfeld, einem, wie er selber sagt "Mosaik von Erinnerungen", lese ich dazu:
Wenn eine Folge von unterschiedlichen Wahrnehmungen aus ein und derselben Quelle durch das Aufmerksamkeitsmuster einer undifferenzierten Einheit verbunden wird, so entsteht der Begriff der Zeit; wenn, im Gegensatz dazu, eine Folge von gleichen Wahrnehmungen aus unterschiedlichen Quellen durch das Aufmerksamkeitsmuster einer Reihe von Einheiten verbunden wird, so entsteht der Begriff des Raumes. (EvG, Unverbindliche Erinnerungen, Wien-Bozen 2008, S. 232)
Von Glasersfelds Schlussfolgerung daraus ist so simpel wie einleuchtend: Die Zeit bewegt sich nicht, es sind unsere Empfindungen und Erlebnisse, die aufeinander folgen und darum notgedrungen vergehen. (Ebd.)
Was das für Auswirkungen auf die Vorstellung einer Geschichtswissenschaft hat, hätte ich ihn bei seiner Ehrendoktoratsverleihung fragen sollen. Vielleicht werde ich es noch schriftlich tun.

Samstag, 10. Mai 2008

Landtagswahlen

In einem Monat wird der Tiroler Landtag neu gewählt. Die Wahl wird derzeit als "Mutter aller Schlachten" angelegt: Van Staa/ÖVP gegen Dinkhauser/ÖVP. Da streiten sich zwei alte Männer um die Macht. Und das ganze Land schaut zu? Der LH ist scheint schon so gereizt zu sein, dass jeder Auftritt zu einer verbalen Bombe werden kann. Schon öfters griff er bei irgendwelchen Eröffnungsreden arg daneben. Belegelte den poltiischen Gegner und verstieg sich zu unhaltbaren Behauptungen. Derzeit scheint er Kreide gefressen zu haben, zumindest den Grünen gegenüber. In der Wochenendausgabe der Tiroler Tageszeitung bezeugt der dem Grünen Spitzenkandiaten Läuterung. Er ist es also, der die Zensuren über die Mitbewerber verteilt und er will es auch nach den Wahlen sein, der bestimmt, wer mit ihm koalieren darf. Der jetzige Koalitionspartner (die SPÖ) geht derzeit auf Distanz zum Regierungspartner. Die Wahlwerbung ist grottenschlecht (der Spitzenkanditat ohne Helm auf einer Harley mit dem "flotten" Struch: dalli, dalli), aber das war sie auch beim letzten Mal und da erreichte sie Partei ein Spitzenergebnis. Der Rest ist auch nicht besser: die FPÖ mit Sprüchen niederster Qualität (damit vor allem um ErstwählerInnen bemüht), die ÖVP mit Antiwerbung, die das ganze Land für sich vereinnahmt und die Grünen mit einer Kampagne (die schwarze Mauer), die vermutlich kaum WechselwählerInnen ansprechen wird. Statt sich zu fokussieren, scheinen sie wieder einmal den KandidatInnenwünschen zu erlegen sein und tragen den politischen Bauchladen (von Antiatom bis Zersiedelung) vor sich her. Aber ein Inhaltswahlkampf wird das ohnehin nicht. Es geht um die Ehr und für die Medien darum, ob der alte Fritz den Herwig derbiegt. Was danach kommt, ist vermutlich zum Vergessen.

Samstag, 3. Mai 2008

Gross National Happiness

Das Königreich Bhutan hat sich die Steigerung des Glückes und der Zufriedenheit seiner BürgerInnen, anstatt der Steigerung des Bruttonationalproduktes zum Ziel gesetzt. Sowohl für ein so genanntes "Dritte-Welt-Land", wie auch für uns Westler ein ungewöhnliches Unterfangen. Wie wollen wir Glück und Zufriedenheit messen und wie deren Vermehrung erreichen. Alles bloß Spinnerei eines weltfremden Königs? Oder ein zwar ungewöhnlicher, aber nicht unmöglicher Kontrast zu unserer von Sachzwängen geprägten Politik? Wie weit sind wir schon von solchen Überlegungen entfernt und wer würde sich in Österreich getrauen, solche Ansätze zu vertreten, ohne sogleich als weltfremder Spinner abgetan zu werden? Die Grünen mühen sich heute jedenfalls in Alpach mit einem Leitantrag zur "Verteilungsgerechtigkeit" ab. Wie blutleer wirken solche Ansätze gegenüber dem Lachen der Bhutanerinnen und Bhutaner, wie sie heute Morgen in Ö1 zu hören waren? Ungerecht? Wer möchte schon in Bhutan leben? Wer von einem König regiert werden? Auch wenn dieser solch ungewöhnliche Ideen verkündet. Eine Debatte wären diese Gedanken um ein Bruttosozialglück allemal wert und sicher spannender als das immer wiederkehrende Gesudere altgedienter Grünfunktionär/innen jeglichen Alters, die vor jedem Bundeskongress in Ermangelung eigener Themen nach neuen Gesichtern rufen, selber aber nicht im Traum an ihren Abschied aus der Politik denken.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Entlehnt

Es ist ja schon länger bekannt und unter der Schwarz-Blau/Orangen-Regierung war es auch bereits Thema: Interessenverbände und sonstige parteinahe Gruppen verleihen Mitarbeiter/innen an die ihnen gewogenen Ministerkabinette. Natürlich ganz ohne Gegenleistung, versteht sich. Die geplagten Mitarbeiter/innen in den Kabinettstäben erhalten so ein wesentlich höheres Salär, als es das Gehaltsschema des Bundes bietet. Nun hat sich auch der derzeitige Hauptgeschäftsführer der Tiroler VP als solch verliehener Mitarbeiter geoutet. Er, der sich nicht zu blöd war, in einschlägigen Aussendungen heillos jede/n zu vernadern, muss nun einbekennen, dass er nicht Vertragsbediensteter im Innenministerium, sondern von einer Versicherung abgestellt worden war. Ich dachte immer, er sei karenzierter Beamter? Oder hat er sich als Beamer karenzieren und sich bei der Versicherung angestellen lassen? Auf welcher Rechtsbasis solch eine Karenz gerechtfertigt ist, bleibt dahingestellt.

Dienstag, 15. April 2008

Ehrendoktorat für Ernst von Glasersfeld

Ernst von Glasersfeld erhält am Donnerstag dieser Woche das Ehrendoktorat der Leopold Franzens Universität Innsbruck. Es ist sein 2. in Österreich (das erste erhielt er von der Universität Klagenfurt). Von Glasersfeld hat nie in Innsbruck studiert. Er wurde 1917 in München geboren, studierte Mathematik in Zürich und Wien und wirkte ab 1947 in Südtirol als Journalist und kommt bei Silvio Cecatto mit der Kybernetik in Kontakt. Schon zuvor hatte er sich mit Giambatista Vico beschäftigt. Eigenartig. Mein erster akademischer Lehrer, ansonsten kein großer Kopf, hatte uns auch die Ideen Vicos näher gebracht. Er tat dies in Abgrenzung zu Karl Marx. Es ging ihm um eine Wissenschaft des Volkes. Damals (1982/83) wußte ich aber noch nichts von Glasersfeld und dem Konstruktivismus. Beide lernte ich erst Jahre später kennen. Da war von Glasersfeld in Innsbruck und hielt einen Vortrag über den radikalen Konstruktivismus. Dabei erfand er diesen und sich selbst vor seinem Publikum neu. Ähnlich seinem Kollegen Heinz von Foerster. Vor über zehn Jahren (1997) versuchte die Redaktion der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften den Konstruktivismus und die Geschichtswissenschaften zusammenzuführen. Der Schlüsseltext dazu "Im Goldenen Hecht" (ein Gespräch mit Heinz von Foerster) ist immer noch lesenswert (ÖZG 8/1997/1). In diesem Heft findet sich auch ein Beitrag von Glasersfelds, eine Kleine Geschichte des Konstruktivismus.
Ad multos annos.